Mentales schafft Reales

Heike Richter

1. Oktober 2015

Die Nacht der Nächte

Der Fall der Berliner Mauer war ein bedeutender Neubeginn für Deutschland wie auch für Europa und die Welt. Nur wenige wissen, dass dieser geschichtliche Wendepunkt in letzter ­Konsequenz keine logische Abfolge von Konferenzen und Verhandlungen war, sondern eine schicksalshafte Verkettung von Umständen, die man als „Zufall“ bezeichnen mag oder auch nicht. Der damalige AP-Korrespondent Ingomar Schwelz erzählt, wie eine Pressemeldung dazu beitrug, die Berliner Mauer zu stürzen.

„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben.“ An diesen wunderschönen Satz aus Hermann Hesses Gedicht „Stufen“ muss ich denken, wenn ich mir wieder einmal die Bilder des Falls der Berliner Mauer ins Gedächtnis rufe. Dieser 9. November 1989 hat mir wie kein anderer Tag meines bisherigen Lebens gezeigt, dass das Leben ein ständiger Fluss ist, ein unablässiges Verändern von allem, und dass man sich diesem Fluss letztlich auf Dauer nicht entgegenstellen kann. Dieser Donnerstag im Herbst hat mich auch erkennen lassen, dass in allen von uns eine fantastische Schöpferkraft steckt, die es möglich macht, unserem Leben eine Wendung in eine völlig neue Richtung zu geben, wenn wir denn nur wollen.

Die weltgeschichtlichen Ereignisse in der Nacht vom 9. zum 10. November 1989, die letztendlich den Kalten Krieg zwischen Ost und West beendeten, den ­Eisernen Vorhang hinwegfegten und eine neue Ära in der Historie einläuteten, demonstrierten überdeutlich die kollektive Wirksamkeit einer mächtigen schöpferischen Kraft: Wenn eine bestimmte Anzahl von Menschen in einer Gruppe in eine Richtung fühlt und denkt und die damit einhergehenden Emotionen tief empfindet, dann schafft das ein kohärentes Bewusstseinsfeld von großer Kraft. Das hat Auswirkungen auf den größeren Rest der Gruppe – und zieht enorme Wirkungen nach sich.

Millionen verzweifelter DDR-Bürger wollten vor 23 Jahren aus der Einkerkerung der sie umgebenden Mauer heraus. Sie hatten in diesen dramatischen Herbsttagen die Botschaften in Warschau und Prag besetzt, um ihre Ausreise in die Bundesrepublik zu erzwingen – oder sie türmten gleich über die offene ungarisch-österreichische Grenze Richtung Westen. Sie wollten Reisefreiheit, raus aus einer Stagnation, die dem Fluss des Lebens diametral entgegengesetzt war, und sie wollten verkrustete Strukturen hinter sich lassen.

Der Zauber des kommenden Neubeginns konzentrierte sich dann in den Ereignissen der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 – der Nacht der Nächte. Es war ein wundersames Szenario des Abschiednehmens und gleichzeitigen Neubeginns, das kein Hollywood-Drehbuchautor besser hätte ersinnen können.

Die Mauer, die ja nach Ansicht des ehemaligen DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker noch mindestens 100 Jahre stehen würde, wurde innerhalb von wenigen Stunden entzaubert und bedeutungslos … und das, weil ein offensichtlich überforderter SED-Politiker im entscheidenden Augenblick nicht richtig lesen konnte, die Medien seinen widersprüchlichen Äußerungen eine neue Bedeutung gaben und die Menschen in Ost und West in der Folge die DDR-Grenzsoldaten überrumpelten und überrannten und die Mauer friedlich zum Einsturz brachten. Kurzum: Der Mauerfall war ein historischer Irrtum. Er musste ein Irrtum sein, sonst hätte er nicht innerhalb einer Nacht in dieser Form geschehen können – der DDR-Staat hätte das so niemals zugelassen. Der Einsturz des „antifaschistischen Schutzwalls“ war letztlich das erste Großereignis in der Geschichte der Menschheit, das von den Medien ausgelöst wurde.

Aber der Reihe nach. Ich war damals politischer Korrespondent der internationalen Nachrichtenagentur associated press (AP) in der DDR. Tausende von Zeitungen, Fernseh- und Radiostationen rund um den Globus haben diesen Dienst abonniert, der 24 Stunden täglich die neuesten Meldungen aus allen Teilen der Welt in die Redaktionen tickert. 1985 habe ich den Job jenseits der Mauer begonnen. Als ich nicht lange zuvor dieses menschenverachtende, steinerne Ungetüm zum ersten Mal leibhaftig vor mir gesehen hatte, waren mir Tränen die Wangen heruntergelaufen und ich dachte: „Das kann nicht sein – dieses Ding muss weg“.