Viel Wirbel über den verrenkten Wirbel

Ingomar Schwelz

19. September 2015

Überraschende Selbstheilungen

Ein Schweizer Therapeut sorgt mit einer weltweit einzigartigen Atlastherapie für überraschende Selbstheilungen.

Vorsichtig tastet Rene-Claudius Schümperli den Nacken des Klienten ab. Dann löst er mit einer gezielten Entspannungsmassage die Verspannungen der kurzen Nackenmuskulatur. Schon nach kurzer Zeit huscht ein feines Lächeln um den Mund des Atlas-Spezialisten. „Der Atlas ist in seine natürliche Position zurückgekehrt.“

Was beim ersten Hinsehen wie eine simple Massage aussieht, entpuppt sich immer mehr als eine Sensation im Gesundheitswesen. Die spezielle Entspannungs-Methode des Schweizers mit Namen „Atlasprofilax“ scheint geeignet, Selbstheilungs- und Regenerationsprozesse auszulösen, die Erkrankungen heilen können.

Schümperli will herausgefunden haben, dass die Ursache vieler körperlicher aber auch psychischer Beschwerden ein komplett ausgerenkter Atlaswirbel ist. Das Verblüffende: Fast alle Menschen sollen an einer solchen Luxation des obersten Halswirbels leiden.

„Wir werden“, so hat Schümperli in jahrelangen Forschungen entdeckt, „oft schon mit einem ausgerenkten Atlas geboren.“ Während der Geburt oder im späteren Leben durch Schleuder- oder Sturztraumas kann sich der Wirbel dann noch stärker verschieben, wodurch der Druck auf Nervenbahnen, Arterien und Gefässe  noch intensiver wird.

Der ausgerenkte oberste Halswirbel verursacht entsprechend dem Rotationswinkel, eine Verminderung des Volumens des Schädellochs und des Wirbelkanals. „Dadurch werden das Rückenmark, verschiedene Hirnnerven und andere Nervenbahnen einem Dauerdruck ausgesetzt“, erklärt Schümperli. Gleichzeitig würden die zur Wirbelsäule  hinführenden Arterien, die Halsschlagader, sowie weitere Gefässe und Lymphbahnen  eingeengt: „Die vom Hirn zum Körper und zurück fließenden Nervenimpulse werden so reduziert, verfälscht und sogar unwirksam gemacht“.

Die Folgen sind nur allzu oft dramatisch: Sie reichen von Asthma und Allergien bis hin zu Depressionen und chronischer Müdigkeit. Für Schümperli ist inzwischen klar, dass der ausgerenkte Atlas gar „die Hauptursache für Störungen körperlicher und geistiger Natur, für Schmerz, Invalidität, Siechtum und Degeneration“ ist.

Und weil der Atlaswirbel nicht nur den Schädel trägt, sondern auch Aufhängung, Balance und Steuerung der Wirbelsäule und des menschlichen Skeletts darstellt, bewirkt ein ausgerenkter Atlas auch schwerwiegende  Störungen  in der Körperhaltung. Migräne, Nacken- oder Rückenschmerzen, Lumbago, Bandscheibenvorfall, verbogene Wirbelsäule, eingeklemmte Spinalnerven, Beckenschiefstand, unterschiedliche Beinlängen oder Schmerzen in Hüft- und Kniegelenken können das Ergebnis sein.

Wie so oft in der Vergangenheit führte erst der jahrzehntelanger Leidensweg eines einzelnen Menschen zu einer revolutionären Entdeckung. Rene Schümperli war gerade erst 20 Jahre alt als er während seiner Militärzeit bei einem Nahkampf von seinem Gegner mit dem Kopf voran in den Boden gerammt wurde. Als er wieder aus seiner Bewusstlosigkeit erwachte, brannte sein Nacken wie Feuer und sein Kopf fühlte sich an, als ob ein Panzer darüber gefahren wäre. Die Ärzte übersahen, dass sein Atlaswirbel komplett ausgerenkt und gebrochen war. So lebte er die kommenden 36 Jahre lang wie ein Zombie – ein irgendwie funktionierendes Wesen mit unmenschlichen Schmerzen am ganzen Körper. Als er nahe am Selbstmord war, riet ihm jemand zu einem Atlastherapeuten zu gehen.

Doch die neue Hoffnung auf Linderung war schnell dahin. Die Schmerzen kamen nach jeder Anwendung rasch wieder. „Ich erkannte bald, dass es sich hier bestenfalls um eine Symptombekämpfung und nicht um eine ursächliche Behandlung  handeln konnte“, sagt Schümperli. Alle bekannten Atlastherapien gehen von einer leichtesten Verschiebung des Atlas von nur Hunderstel Millimetern – „Subluxation“ genannt – aus, die „adjustiert“ werden könnte.

In seiner Verzweiflung begann Schümperli zwischen 1993 und 1996 eine weltweit einzigartige Methode zu entwickeln, mit der dem ausgerenkten ersten Halswirbel die Möglichkeit gegeben wird, mit einer einzigen Anwendung praktisch schmerzfrei wieder auf seinen angestammten Platz zurückzukehren. „Ein richtig korrigierter Atlas kann sich aus anatomisch-mechanischen Gründen dann nicht mehr ausrenken, selbst nach einem neuerlichen Unfall“, meint der Wirbel-Spezialist.

„Nach der Korrektur des Atlas kann  auch das Gehirn endlich ungestört wirken“, so Schümperli. Es ist so, als wolle es nachholen, was es zuvor nicht gesund erschaffen konnte. „Es setzt Selbstheilungs- und Regenerationsprozesse in Gang. Der menschliche Organismus beginnt besser zu funktionieren“. Zudem könnten andere Behandlungen durch die korrigierte Lage des Atlas ihre Wirkung besser entfalten. Notwendig sind in der Folge weitere regelmässige Nacken- und Rückenmassagen sowie Bäder.

Freilich regenerieren sich Körperzellen und Organe nicht von heute auf morgen. „Nach der Beseitigung der Luxation des Atlas reagiert der Organismus entsprechend dem körperlichen und psychischen Zustand des einzelnen Menschen“, so Schümperli. Während bei manchen der Heilungsprozess schnell vorangeht, müssten andere mehr Geduld haben.

Als wichtigstes Einsatzgebiet für seine Methode sieht Rene Schümperli jedoch ihre Möglichkeiten in der Krankheitsvorbeugung. „Sie ist eine elementare Präventivmassnahme für Erwachsene aber vor allem auch für Kinder, damit diese gesund heranwachsen können“.